Chicago

Donnerstag 09.09.93

Am Morgen fuhren wir um 8.30 Uhr weiter. Nach einer Stunde hatten wir die Grenze zu Indiana erreicht und es war wieder 8.30 Uhr, denn diese Grenze stellt gleichzeitig eine Zeitzonengrenze dar. Kurz nach unserer Mittagspause tauchte am Horizont eine gewaltige Skyline auf. Chicago war in Sichtweite. Wir fuhren jedoch erst einmal um die Stadt herum, um unser Motel im Vorort Lyons/Brookfield zu beziehen. Unser Zimmer war ähnlich eingerichtet wie das in New York, aber deutlich preisgünstiger.[singlepic id=138 w= h= float=right]
Am Nachmittag fuhren wir dann in die City. Als erstes veranstaltete Bart eine kleine Stadtrundfahrt um uns die Orientierung zu erleichtern.
Des genaueren Überblicks wegen begaben wir uns dann zum Sears-Tower. Dieses Gebäude war damals mit 443 m noch der
höchste Wolkenkratzer der Welt. Mißt man die Höhe einschließlich der Antennen auf dem Dach, kommt man sogar auf 512 m. Die Aussichtsplattform befindet sich hier in der 103. Etage und bietet einen phantastischen Rundblick über die Stadt am See. Die unzähligen Fenster werden acht mal jährlich mit einer automatischen Anlage geputzt, niemand braucht sich also todesmutig mit Schwamm oder Lappen an der Fassade zu schaffen machen. Die Aufzüge in den Wolkenkratzern sind zwar von der schnellen Sorte, das Anfahren oder Abbremsen merkt man jedoch fast überhaupt nicht.

Dann erwanderten wir die Stadt, bummelten durch Geschäfte und kehrten in einer Pizzeria ein. Dort hatten wir Gelegenheit zu interessanten Millieustudien.

[singlepic id=130 w= h= float=left]Später entdeckten wir dann „Planet Hollywood“, die Chikagoer Filliale der Restaurantkette von Arnold Schwarzenegger und Kollegen. An der Fassade hatten viele Prominente aus Film- und Showbusiness ihre Handabdrücke in den Betonkacheln verewigt. Im Inneren konnte man Kostüme und Requisiten aus Hollywoodfilmen älteren und neueren Datums sehen, T-Shirts, Lederjacken, Baseballmützen usw. kaufen und natürlich auch eine Mahlzeit zu sich nehmen. Wir, mit unseren dünnen Brieftaschen, verkniffen uns das aber lieber.

Anschließend trafen wir uns vorm Hardrock-Cafe mit Bart. In der Zeit, in der wir vor dem Eingang warteten, beobachteten wir einen jungen Schwarzen, der auch uns schon mehrmals vergeblich angebettelt hatte, bei seinem Treiben. Endlich fand sich eine junge Frau, die ihre Handtasche öffnete, was sie aber augenblicklich bereute. Denn ehe sie sich versah, hatte der „Bettler“ zugegriffen und rannte mit seiner Beute davon. Die Frau rannte ihm nach, ob sie ihn aber noch einholen konnte, scheint mir zumindest zweifelhaft.

Im Inneren des Hardrock-Cafés waren Zeitzeugnisse aus der Rock- und Popgeschichte ausgestellt und es wurde sehr laute Musik gespielt die unseren Musikgeschmack leider nicht immer ganz traf.

Da die meisten anderen noch eine Jazz-Kneipe besuchen wollten, wir dafür jedoch zu müde waren, ließen wir uns später am Bahnhof absetzen und fuhren mit einem Vorortzug zurück zu unserem Motel.

Freitag 10.09.93

Auf die gleiche Art und Weise gelangten wir am nächsten Morgen auch wieder in die City. Die [singlepic id=134 w= h= float=right]silbernen Doppelstockzüge sind im Inneren etwas anders eingerichtet als wir das kennen. Die Sitzplätze der oberen Etage sind auf einer Art Sims angeordnet, der um den Wagen läuft. Wenn also der Schaffner durch den Wagen geht, kontrolliert er die Fahrscheine oben und unten gleichzeitig und kein Schwarzfahrer kann über die andere Etage dem Kontrolleur ausweichen. Die Sitze sind wie im Flugzeug hintereinander angeordnet. Je nach Fahrtrichtung können sie durch Herumklappen der Lehne umgestellt werden.

Unsere erste Handlung in Chicago war heute die Suche nach einem netten Café, in dem wir richtig frühstücken konnten. Mitten in der Stadt fanden wir auch eines. Neben dem obligatorisch dünnen Kaffee, standen auch wieder die ebenfalls obligatorischen Wassergläser auf dem Tisch. Immer wenn man in ein Restaurant geht, egal zu welcher Tageszeit, ein Glas Wasser gibt es – als Zeichen der Gastfreundschaft – immer.

[singlepic id=150 w= h= float=left]Frisch gestärkt marschierten wir über die Michigan Avenue, die wegen ihrer Schönheit auch „Magnificent Mile“ genannt wird, zum Besucherzentrum. Dieses ist im alten Wasserturm untergebracht, dem einzigen Gebäude, welches den verheerenden Stadtbrand von 1871 unversehrt überstanden hat. Diesem Brand hat die Stadt wohl auch ihre sehr interessante und vielfältige Architektur zu verdanken. Viele junge talentierte Architekten sahen im Wiederaufbau der Stadt ihre große Chance. Durch schreckliche Stadtautobahnkreuzungen, die sich über mehrere Etagen erstrecken, liefen wir dann zu Grant-Park, der grünen Oase am Ufer des Michigan-Sees. Von da hatten wir einen phantastischen Blick auf die Skyline der Stadt. Dieser große Park bietet viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Die Jogger beispielsweise haben die Möglichkeit einige Meilen zu traben, ohne allzusehr von Autoabgasen benebelt zu werden. Als wir dort waren, wurde gerade ein großes Jazzfestival vorbereitet. Vom Park aus steuerten wir die Chicago Board of Trade an, die größte Warenbörse der Welt. Das undurchschaubare Gewimmel der Menschen dort läßt dem Laien wohl keine Chance, zu erkennen was vorgeht. Pünktlich 14 Uhr schellte eine Glocke und die Börse war geschlossen. Die Menschen zerstreuten sich in alle Richtungen und hinterließen auf dem Fußboden eine knöchelhohe Schicht aus Papierschnipseln.

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Seinen Beinahmen „Windy City“ -Windige Stadt- trägt Chicago übrigens zu vollem Recht, es weht ständig ein heftiger Wind vom Michigan See her, der sich in den Hochhausschluchten noch verstärkt.

Am Nachmittag besuchten wir das Field Museum. Dort gibt es Ausstellungen zu alten amerikanischen Indianerkulturen, zu ägyptischen Grabanlagen, Sauriern und vielem anderen mehr. Als das Museum um 17 Uhr geschlossen wurde, waren wir geschafft. Im Eilschritt stürmten wir zum Bahnhof, wo wir im letzten Moment noch den Zug erreichten, der uns zurück nach Brookfield brachte.