Niagara Falls

Montag 06.09.93

Trotz unserer gestrigen Frühstückserfahrung heute ein neuer Versuch am gleichen Ort. Diesmal testeten wir French-Toast, in Ei gebackenes Toastbrot. Andere sagen wohl „Armer Ritter“ dazu.

Kurz nach acht begann sich die Hotelhalle zu füllen. Unsere Gruppe vervollständigte sich auch langsam, der einzige der noch fehlte war Bart. Vor der Tür fuhren aber inzwischen unsere Vans vor. Einer davon wurde von Bart gesteuert. Nachdem ein Parkplatz gefunden war, hätte es eigentlich ans Beladen gehen können, aber da inzwischen noch zwei junge Damen aufgetaucht waren, die auch noch zu unserer Gruppe gehörten, mußte erst noch der organisatorische Kram für die beiden erledigt werden, den wir schon gestern abend hinter uns gebracht hatten. Ulrike aus Leipzig und Heike aus Frankfurt(Main) hatten gestern abend noch Freunde getroffen und daher den Begrüßungsdrink versäumt. Als alles erledigt war verstauten wir unser Gepäck auf dem Dach des Wagens, alles paßte bequem. Wer hätte das gedacht? Dann stiegen wir ein. 9 Fahrgäste ist die optimale Besetzung des für 13 Personen zugelassenen Fahrzeugs. Auf jeder der 4 Sitzbänke hat man zu zweit mehr als genug Platz. Hartmut durfte als Alleinreisender neben dem Fahrer sitzen.

Kurz vor neun ging es los. Wir fuhren in nördliche Richtung. Oberhalb des Central Park überquerten wir auf der George-Washington-Bridge den Hudson-River, verließen damit New York und befanden uns in New Jersey. Diesen Bundesstaat durchquerten wir nur am Rande um dann in den Staat New York zurückzukehren. Auf dem gebührenpflichtigen Highway 17 ging es durch die bezaubernde Landschaft der Catskill-Mountains, einer Mittelgebirgslandschaft, ähnlich dem Bayrischen Wald. In Hancock wurde eine Mittagspause eingelegt. Über Binghampton fuhren wir weiter nach Ithaca. Hier sahen wir eine für uns ungewöhnliche Vorfahrtsregelung an einer Kreuzung, die in den USA aber vollkommen normal ist. An allen vier ankommenden Straßen ist ein Stoppschild aufgestellt. Also muß jeder anhalten. Zuerst losfahren darf derjenige, der zuerst angehalten hat.

Ithaca liegt an den Finger-Lakes. Einer dieser Seen ist der Cayuga-Lake, unser heutiges Tagesziel. Damit wir aber etwas zum Abendbrot essen konnten, mußten wir vorher noch einkaufen. Vor einem großen Supermarkt wurden zuerst von jedem 30$ eingesammelt, und damit eingekauft.

Gewöhnungsbedürftig ist die Art der Preisauszeichnung in amerikanischen Geschäften. Egal ob am Postkartenkiosk oder im Supermarkt muß man zu jedem Preis noch, je nach Bundesstaat 8-14 Prozent Umsatzsteuer dazurechnen. Um das zu erleichtern gab es in diesem Supermarkt aber Einkaufswagen, die im Griff einen Taschenrechner integriert hatten.

Von der netten Kassiererin wurden wir durch die Frage überrascht, was das denn sei, als sie die Petersilie in der Hand hielt. Zum Glück fiel jemandem noch die passende englische Bezeichnung -parsley- ein. So konnten wir der jungen Frau noch zu einem Bildungserlebnis verhelfen und wer es von uns noch nicht wußte, würde dieses Wort vielleicht auch nicht so schnell vergessen.

Als wir den Markt verließen, hatten sich dunkle Wolken zusammengeballt und es war klar, daß es bald Regen geben würde. Entweder wir schafften die 20 Meilen bis zum Campingplatz noch oder wir würden unsere Zelte gleich am ersten Tag im Regen aufbauen müssen. Der Supermarkt war noch in Sichtweite als es losging und auch als wir am Zeltplatz waren, sah es noch nicht besser aus. Wenn sich die Wolken einmal kurz lichteten, konnten wir einen Blick auf den See erhaschen, der von Größe und Lage ungefähr mit dem Gardasee zu vergleichen ist. Bart stellte uns vor die Alternative weiterzufahren oder naß zu werden. Da aber keiner unter die kalte Dusche wollte, fuhren wir weiter.

Der See war nach einer reichlichen Stunde zu Ende, der Regen noch nicht. Inzwischen wurde schon die Übernachtung in [singlepic id=151 w= h= float=right]einem preiswerten Motel in Erwägung gezogen. Mit einem Male lösten sich die Wolken aber auf und wir fanden in der Nähe von Seneca Falls auch einen Zeltplatz. Schnell ließen wir uns zeigen, wie die Zelte aufzubauen waren. Das war wirklich ein Kinderspiel. Mit Einbruch der Dämmerung hatten alle ein Dach über dem Kopf und wir konnten uns beim Schein der Propangaslampen an die Bereitung des Abendessens machen. Zwei große Schüsseln Gemüsesalat waren schnell bereitet und aufgegessen. Der Abwasch war bei so vielen fleißigen Händen auch kein Problem und so konnten wir bald in unsere Schlafsäcke kriechen.

Dienstag 07.09.93

Da wir gestern schon über die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft hatten, konnten wir heute ein paar Minuten länger schlafen als geplant.

Nach dem Frühstück fuhren wir über Buffalo zu unserem nächsten Zeltplatz in der Nähe von Niagara Falls. Dort wartete schon eine telefonische Nachricht auf Bart. Eine Reiseteilnehmerin aus Deutschland hatte ihren Flug verpaßt und war uns nachgereist. Jetzt wartete sie auf dem Flughafen von Buffalo auf Abholung.

Also bauten wir rasch unsere Zelte auf, dann setzte uns Bart an den Fällen ab und fuhr zum Flughafen. Wir hatten bis 16 Uhr Zeit, die Gegend zu erkunden. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite und so hatten es die berühmten Wasserfälle auch nicht schwer, uns in ihren Bann zu ziehen. Es ist irgendwie unvorstellbar – 2,5 Millionen Liter Wasser pro Sekunde fallen auf einer Breite von 300 Metern 55 Meter in die Tiefe. Nun muß man natürlich noch wissen, daß das nur ungefähr die Hälfte der Wassermassen ist, die hier abstürzten, bevor Wasser für die neuerbauten Kraftwerke abgezweigt wurde.

Zuerst nahmen wir die Fälle von der amerikanischen Seite ausführlich und aus allen möglichen Perspektiven in Augenschein. Als wir glaubten, alles gesehen zu haben, gingen wir über die Rainbow-Bridge auf die kanadische Seite. Das Passieren der Brücke kostet pro Fußgänger 25 Cent Brückenzoll.

Der Touristenrummel, der um die Fälle veranstaltet wird, ist in Kanada noch wesentlich schlimmer als in den USA. Die Aussichtstürme sind höher und zahlreicher, die Hotels größer und viel dichter am Wasser. Ein regelrechter Vergnügungspark mit Achterbahn, Delphinarium, Wachsfigurenkabinett usw. hat sich etabliert.

[singlepic id=128 w= h= float=left]Direkt gegenüber den American Falls sahen wir, daß es auf der anderen Seite auch die Möglichkeit gab, direkt durch die Fälle zu laufen. Zwar hatten wir die Leute gesehen, die sich in ihren gelben Regenumhängen am Aufzug anstellten, aber wie nah man auf diese Weise dem Wasser kam, hatten wir nicht geahnt. Ob das Spazierengehen unter der kalten Dusche wirklich solchen Spaß machte, wie das Zusehen dabei, wissen wir allerdings nicht. Aus unserer Gruppe hat es niemand ausprobiert, im Gegensatz zur Fahrt mit dem Boot bis dicht an die Wasserwände.

Als wir uns am Nachmittag alle wieder versammelten, stellte uns Bart unsere neue Mitreisende vor. Sandra hatte bis zu ihrer Ankunft hier allerhand durchgemacht. In München hatte sie ihr Flugzeug verpasst. In New York verabredete sie dann mit dem Reisebüro den Treffpunkt auf dem Flughafen von Buffalo, wohin sie für den Dienstag nur noch einen teuren Flug buchen mußte. Sie war sichtlich glücklich, daß doch noch alles geklappt hatte.

Jetzt fuhren wir einkaufen und dann zurück zum Zeltplatz. Dort machten wir es uns am Ufer des Ontario-Sees mit Blick auf Toronto gemütlich. Zum Abendbrot wurde gegrillt. Anschließend beschlossen wir, noch einmal zu den Fällen zu fahren. Diese wurden in der Dunkelheit farbig angestrahlt und sollten sehr prächtig aussehen. Das traf zwar auch zu, doch die meisten von uns hatten sich den Anblick wesentlich imposanter vorgestellt. Die Hochglanzpostkarten übertrieben eben mal wieder schamlos. Das Licht, dessen Farbzusammensetzung etwa aller 10 Minuten wechselte und das von kanadischer Seite aus abgestrahlt wurde, erreichte kaum die Wasserfälle. Wir waren extra noch einmal nach Kanada gelaufen und insgesamt etwas enttäuscht von der Nachtvorstellung.