Über den Missisippi

Sonntag 12.09.93

Heute mußten wir besonders zeitig aufstehen, denn eine Mammutetappe von über 600 Meilen (ca. 1000 Kilometer) lag vor uns. Zuerst überquerten wir den Mississippi und damit die Staatsgrenze zu Iowa. Bei Austin erreichten wir den Highway 90 und den Staat Minnesota. Auf dem Highway ging es den ganzen Vormittag durch wenig abwechslungsreiche Gegenden. Da die amerikanischen Highways teilweise auch nicht besser aussehen als die Autobahnen zu DDR-Zeiten, gibt es auch viele Baustellen. Häufig wird der Verkehr an kritischen Stellen statt von Ampeln von hübschen Mädchen mit großen Verkehrschildern geregelt, mit denen sie entweder zum Langsamfahren oder Anhalten auffordern. [singlepic id=112 w= h= float=left]An der Grenze zu South Dakota holten wir uns Informationsmaterial zu touristischen Höhepunkten dieses Staates. Nachdem wir alles ausführlich studiert hatten, beschlossen wir unsere Mittagspause in Mitchell abzuhalten. Der dortige Maispalast war die einzige in Highwaynähe befindliche Sehenswürdigkeit. Bei diesem Palast handelt es sich um ein Kulturhaus, welches innen und außen mit Bildern aus Maiskolben und anderen Körnern dekoriert ist. Unter Aufwendung von tausenden Kilogramm Mais wird die Fassade jährlich neu gestaltet.

Daneben befindet sich ein auf indianisch getrimmtes Einkaufszentrum. Leider trugen fast alle „echt indianischen“ Souvenirs den Aufkleber „Made in Taiwan“.

Auch auf der Weiterfahrt wurde die Umgebung nicht abwechslungsreicher. Indem wir kurz hinter dem Missouri die nächste Zeitgrenze überquerten, gewannen wir wieder eine Stunde.

Am späten Nachmittag verließen wir endlich den Highway. Am Horizont waren jetzt Berge zu sehen, die immer mehr in die Höhe wuchsen, je näher wir ihnen kamen. Als wir die Grenze des Badlands National Parks erreicht hatten, lagen sie in ihrer eigentümlichen Schönheit direkt vor uns. Es war deutlich zu erkennen, daß es sich bei den Felsformationen um die Überreste einer gewaltigen Kalksteinschicht handeln muß, die das Wasser in seiner Jahrtausende währenden Abtragungsarbeit bis heute übrig gelassen hat.[singlepic id=104 w= h= float=right]

Eigentlich wollten wir dem Cedar Pass Visitor Center noch einen Besuch abstatten, doch dieses hatte schon um 17 Uhr seine Pforten geschlossen. Also durchquerten wir den Park, der hier nur ca. 8 km breit ist, passierten das Örtchen Interior (mehr als 5 Häuser sahen wir nicht) und fanden unmittelbar an der Grenze des Pine Ridge Indianerreservates am Ufer des White River einen wunderschönen Campingplatz. Wir bauten die Zelte auf und bereiteten einen schnellen Büchseneintopf zum Abendbrot. Der schon die ganze Zeit heftig wehende Wind erreichte inzwischen fast Orkanstärke und am Himmel türmten sich hohe Wolken. Eine positive Seite konnte man dem Wind dennoch abgewinnen – es gab keine Mücken, und das, obwohl wir von der Zeltplatzleitung extra mit Insektenschutzmittel in größeren Mengen ausgerüstet worden waren. Der Abwasch war noch nicht ganz erledigt, als es heftig zu regnen anfing. Der Regen hielt die ganze Nacht an.

Montag 13.09.93

[singlepic id=102 w= h= float=left]Die morgendliche Temperatur betrug immerhin 40 Fahrenheit, auf der Celsius-Skala des Campingplatzthermometers entsprach das allerdings schlappen 4 . Nachdem wir alle trockenen Sachen die wir mithatten übereinandergezogen und gefrühstückt hatten, besuchten wir das Visitor Center und informierten uns. Anschließend machten wir eine kleine Wanderung, den sogenannten Notch Trail, durch die Felsen. Dabei konnten wir feststellen, wie weich das Gestein ist. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie es auch heute noch vom Wasser ausgewaschen wird, wenn es denn einmal regnet,denn um einen Regenguß wie letzte Nacht in den Badlands zu erleben, braucht man schon etwas „Glück“.

In der Cedar Pass Lodge in der Nähe des Visitor Centers aßen wir zu Mittag. Es gab „Indian Taco“, ein durchaus wohlschmeckendes Fladenbrotgericht. Und als Besonderheit hatte man in dieser indianischen Gaststätte sogar eine echte Indianerin. Sie wischte die Tische ab.

Nachdem wir gesättigt waren, begaben wir uns auf eine Rundfahrt durch den Park und seine Umgebung. Zuerst durchquerten wir den nördlichen Teil des Parks auf dem Highway 240. Anschließend ging es auf einer unbefestigten Straße weiter. Nach wenigen Kilometern sahen wir unseren ersten Büffel, der natürlich für viele mehr oder weniger gewagte Fotos herhalten mußte. Wenig später gab es sogar eine kleine Herde dieser majestätischen Tiere zu sehen, die früher hier zu tausenden lebten und ein Nahrungsgrundlage für die hier lebenden Sioux-Indianer bildeten.[singlepic id=124 w= h= float=right]

In der fast verlassenen Ortschaft Scenic tankten wir und besichtigten einen Gemischtwarenladen. In diesem konnte man z.B. benutzte Autoreifen, alte Fernseher, getragene Hausschuhe und Cowboystiefel, einen angefangenen Strickpullover, Büffelhörner und andere Kuriositäten neben einem kleinen Lebensmittel- und einem großen Alkoholangebot kaufen. [singlepic id=103 w= h= float=left]Alle Leute, die das trostlose Nest verlassen haben, hinterließen wohl ihren gesamten Hausrat bei diesem Händler.

Im südlichen Teil der Badlands machten wir einen Abstecher zum Sheep Mountain Table. Hier konnten Bart und unser Bus zeigen was sie können. Manchmal war der Weg zwischen den Gesteinsbrocken nur zu ahnen. Wir bekamen eine wunderschöne Aussicht geboten.

Nach einigem Überlegen entschlossen wir uns,auch noch die ungefähr 50 km nach Wounded Knee zu fahren. Auf der Fahrt durch die Indianerreservation mußten wir sehen unter welch – zumindest für unsere Vorstellungen – katastrophalen Bedingungen die Indianer, die sich nicht angepaßt haben, vegetieren müssen. Überhaupt scheinen Indianer in den USA maximal als Touristenattraktion betrachtet zu werden.

Zur Geschichte des Indianermassakers in Wounded Knee möchte ich das „Aral-Autoreisebuch USA“ zitieren:

„Für die Indianer waren die Jahre 1860-1890 eine Zeit des totalen Abbruchs ihrer Eigenständigkeit. Je mehr weiße Siedler in den Westen strömten, landhungrig und goldgierig, um so mehr wurden die Indianer um ihr Land betrogen. Vertrag um Vertrag wurde gebrochen oder bewußt falsch ausgelegt. Nur wenige der indianischen Führer konnten sich diesem Vormarsch der Weißen widersetzen, besonders nachdem sie waffenlos in die Reservate verbannt worden waren. Nach der Staatsgründung der Dakotas wurde im Sommer 1889 das Land der Sioux in sechs kleine Reservate geteilt und gleichzeitig viel Land für weiße Siedler gewonnen. Der mutige Häuptling Sitting Bull, der noch 1876 General Custer besiegt hatte, nach Kanada ins Exil gegangen war und in amerikanischen Gefängnissen gesessen hatte, konnte sein Volk 1890 nicht mehr retten. In großer Verzweiflung über ihre Wehrlosigkeit und die Aussichtslosigkeit ihrer Lage schlossen sich Ende 1890 viele Sioux einer religiös – fanatischen Bewegung an. Durch nächtliche Tanzrituale wollten sie die Geister ihrer Verstorbenen im nächsten Frühjahr zum Leben erwecken und danach ihr Land von den Weißen wiedergewinnen. Diese Tänze aber machten die Soldaten und Siedler nervös. Den Indianern wurde Agitation vorgeworfen und Anführer mußten identifiziert und beseitigt werden. Sitting Bull, inzwischen ein alter Mann, galt noch immer als Anführer. Am 15. Dezember 1890 wurde er gefangengenommen, starb aber sofort in einem Handgemenge. Nach seinem Tod blieb nur noch Red Cloud als Führer übrig, während Big Foot mit seinen etwa 350 Leuten bei ihm Schutz suchten. Auch Big Foot galt als Provokateur. Auf dem Weg zu Red Cloud wurde er von Soldaten überrascht und gefangengenommen. Im Lager bei Wounded Knee wurden seine Leute entwaffnet. Ein versehentlicher Schuß fiel, und die Soldaten begannen blindlings zu schießen. Die unbewaffneten Indianer versuchten zu fliehen, aber die meisten von ihnen konnten sich nicht retten. Mindestens 150 von ihnen fielen sofort, andere starben später an ihren Wunden. Erst im Frühjahr wurden sie in einem Massengrab in Wounded Knee begraben. „

Nach diesem Ereignis mitten in der Prärie stand immerhin auch ein einsame Gedenktafel zum Gedenken an diesen Vorfall. Auch ein christlicher Friedhof liegt unweit davon auf einem Hügel, die dort begrabenen Indianer waren größtenteils im zweiten Weltkrieg gefallen.

Auf der Rückfahrt sahen wir dann noch eine indianische Highshool, vielleicht ein Zeichen, daß es auch für Indianer vorwärts gehen kann!?

Da wir erst um 19.30 Uhr wieder auf dem Campingplatz eintrafen, war es etwas zu spät, ein Abendessen zu kochen. Also fuhren wir nach Wall, einer ganz auf Touristenrummel ausgerichteten Westernstadt. Da die Saison allerdings zu Ende war, hielt sich der Trubel in Grenzen und wir waren froh, eine geöffnete Gaststätte zu finden. Heute wurde mal mexikanisch gegessen – Chimichanga, ein fürchterlich scharfes, dennoch wohlschmeckendes Reis-Bohnen-Gericht.

21 Uhr wurden dann wirklich die Bürgersteige hochgeklappt, und uns blieb nur die Rückfahrt zum Campingplatz.